Beschnuppern in zehn M
inuten
Beim Speed-Recruiting suchen Unternehmen an Unis nach Talenten. Wer nicht auf den Punkt kommt, kriegt einen Korb
CHRISTINE KOLLER
Auf der Einladung stand 18 Uhr -und
trotzdem fand das erste Kennenlernen
nicht bei Kerzenschein, sondern im nüch-
ternen Licht der Neonröhren statt. Treff-
punkt war das Audimax der Universität
München, wo sich 160 Studenten und
acht Unternehmen eingefunden hatten -
zum Speed-Recruiting. Zehn Minuten
hatte jede Firma Zeit, sich vor den Ab-
solventen als spannender Arbeitgeber zu
profilieren. Die Stoppuhr läuft. Denn
anschließend möchte jeder mit möglichst
vielen Job-Interessenten ins Gespräch
kommen. „Die Unternehmen
suchen nach Talenten für einen Direktein-
stieg oder ein qualifiziertes Praktikum",
erzählt Christian Richter, Initiator der
Veranstaltung und Gründer der Unter-
nehmensberatung Missing Link. Etwa 30
Speed-Recruitings hat der Münchener
Unternehmensberater bereits an den Uni-
versitäten in München, Berlin und Salz-
burg veranstaltet. Die Unternehmen wa-
ren Start-ups, Mittelständler, aber auch
Weltkonzerne wie Philipp Morris, Deut-
sche Bank, Vodafone oder Roche.
Der Pharmakonzern Roche etwa fand
„das Format interessant, um schnell, mit
wenig Aufwand wirklich interessierte
Leute verschiedener
Fachrichtungen anzusprechen", be-
richtet Personalprofi Klaus Schewe. Gar
20 Prozent ihrer 80 neuen Mitarbeiter
ermittelt die Stuttgarter Unternehmensbe-
ratung Horvath & Partners pro Jahr über
die Turbo-Talentsuche. „Möglichst früh
erhalten wir darüber Kontakt zu geeigne-
ten Mitarbeitern", lobt der Prokurist von
Horvath & Partners, Andreas Kuhndör-
fer. Denn neben Juniorberatern nimmt
der „Studentenclub" von Horvath bereits
Praktikanten und Diplomanten auf und
bietet ihnen die Möglichkeit, an Fortbil-
dungen und Mentoring-Programmen teil-
zunehmen. Aktuell tummeln sich 40
Hochschüler
im firmeneigenen Talentepool.
„Wir wollen keine Einser-Examens-
kandidaten, sondern Leute, die zu uns
passen. Mit dieser Art des Recruitings
können wir uns und unsere Firmenkultur
bestens präsentieren und entsprechende
Kandidaten gewinnen", erzählt Kuhndör-
fer. Zusammen mit zwei Kollegen -
einem Personaler und einer Unterneh-
mensberaterin - stellt er seine Firma den
Studenten vor. In den Augen von Christi-
an Richter „der ideale Mix": da der Fach-
bereichsleiter die Firma in Fakten und
Zahlen vorstellen kann, der Personalver-
antwortliche das Anforderungsprofil und
ein Berufseinstei-
ger seinen Karriereweg samt Anfangs-
hürden, erster Erfolge, Projekte und Per-
spektiven. Empathie und Leidenschaft
lassen den Funken der Begeisterung auf
die Studenten überspringen, weiß Richter.
Kleinere Unternehmen können sogar ge-
genüber größeren punkten. Richter: „Wer
sich eine Materialschlacht am Beamer
liefert wie kürzlich ein bekannter Dis-
counter hat schnell bei den Studenten
verspielt. Denn nicht Shareholder-Value
und Marktführerschaft zählen, sondern
die Kultur des Unternehmens und die
Möglichkeiten, die es bietet."
Umgekehrt gilt: „Wer für diese Abend-
veranstaltung seine Freizeit opfert, zeigt
starkes Interesse", meint Roche-
Personaler Schewe. Cornelia Wilhelmy
von der Bayerische Landesbank ergänzt:
„Die Studenten kommen, weil sie sich
explizit informieren wollen. Sie sind viel
interessierter als bei Kontakten, die im
Vorübergehen auf Hochschulkontakt-
messen entstehen."
Nicht zu unterschätzen sind auch die
Synergien: Ein Physiker, der eigentlich
wegen Roche gekommen war, fand ein-
mal bei der Deutschen Bank einen Pos-
ten. Richter: „Im direkten Gespräch kön-
nen Chefs im Quereinsteiger ihren Top-
Kandidaten erkennen, den ein Personal-
verantwortlicher möglicherweise vorher
aussortiert." Denn genau wie beim
Speed-Dating sitzen sich zwei potenzielle
Partner gegenüber - ohne eine dritte Per-
son dazwischen.
6./7./8. JULI 2007 NR. 128